Über richtige und falsche Zuchtziele

Qualzuchten - geeignete Heimtiere?

Kanarienvögel Positur
Extremzuchten und daraus entstehende Beeinträchtigungen des Einzeltieres sind auch bei Ziervögeln bekannt. qualzucht-datenbank.eu/ziervoegel
Foto: Wikimedia

Der ZZF fordert rechtsverbindliche Listen mit Zuchtformen und Einzelmerkmalen, die als Qualzuchten zu betrachten sind.

Einigen Menschen reicht es nicht, Tiere zu züchten - sie selektieren in der Zucht Merkmale, die besonders oder außergewöhnlich aussehen oder in Mode sind. Die Übertypisierung bestimmter Merkmale kann zu extremen Ausprägungen führen, die tierschutzrelevant sind. Beispiele sind besondere Farb-, Form- oder Zeichnungsvarianten, Haar- oder Schuppenlosigkeit und bestimmte Körperformen wie zum Beispiel Zwergwuchs, kurze Beine oder eine Kurzköpfigkeit bei Hunden oder Kaninchen.

Die Zuchtauslese auf extreme Merkmale kann jedoch dazu führen, dass das erwünschte Merkmal mit einem Zuchtmerkmal einhergeht, das schädlich für das Tier ist.

Es gibt Katzen mit großen, rundlichen Köpfen und Stupsnase, die vermehrt unter Zahnfehlstellungen und eingeschränkter Atmung leiden. Nacktkatzen haben keinen Schutz vor Kälte, Zugluft oder Hitze. Rundköpfige Hunde mit kurzen Kiefer- und Nasenknochen leiden oft an Atemnot, Schluckbeschwerden und Schlafproblemen. Albinotische Echsen ohne Schutzpigmente können sich schwere Augenschäden zuziehen, wenn sie unter UV-Licht sitzen. In der Taubenzucht führte die Schnabelverkürzung als Zuchtziel dazu, dass Elterntiere ihre eigene Nachzucht nicht mehr aufziehen können.

Aufklärung tut not

Der Wunsch nach dem Besonderen kann also Leiden und Schäden für Tiere zur Folge haben. Einigen Tierhaltern ist möglicherweise gar nicht bewusst, dass ihr Modetier unter gesundheitlichen Einschränkungen leidet. Zoofachhändler leisten hier eine wichtige Aufklärungsarbeit: Jede Tierart ist faszinierend und viele Heimtiere haben einen eigenen Charakter, den Tierfreunde entdecken können. Wenn Zoofachhändler ihre Kunden für diese Merkmale begeistern, sind Farbschläge oder Körperformen möglicherweise nicht mehr so entscheidend. Ein gesundes Heimtier muss nicht so häufig beim Tierarzt vorgestellt werden. Wenn Kundinnen und Kunden bereits ein Tier halten, das unter zuchtbedingten Defekten leidet, sollten Zoofachhändler über die richtige Haltung und Pflege informieren.

Ziel des Züchtens sollten gesunde Tiere sein

Formen einer Tierart, die aufgrund züchterischer oder chirurgischer Maßnahmen so verändert sind, dass sie zu artüblichem Verhalten nicht mehr in der Lage sind, sind für die Heimtierhaltung ungeeignet und damit vom Handel auszuschließen. Das Ziel des Züchtens sollten vor allem gesunde Tiere sein. Im Juni 1999 veröffentlichte das Bundeslandwirtschaftsministerium ein nicht rechtsverbindliches Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes, in dem Qualzuchtmerkmale einzelner Rassen und Arten beschrieben sind. Laut diesem Gutachten sind Defektgene und genetisch bedingte Anomalien in der Züchtung so zu berücksichtigen, dass möglichst keine Nachkommen (Merkmalsträger) entstehen, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden behaftet sind.

ZZF für Studien und Gutachten über Qualzuchten

Allerdings ist es nicht immer eindeutig, ob ein gezüchtetes Tier mit einem besonderen Merkmal eine Qualzucht ist. Wenn Tiere in der Heimtierhaltung keinen Fressfeinden mehr ausgesetzt sind, können sie möglicherweise auf bestimmte Merkmale verzichten. Zudem sind sich Fachleute nicht immer einig, ob bestimmte Merkmale einen Defekt darstellen. So hört nicht jedes Kaninchen mit einem geknickten Ohr schlecht oder neigt zu Ohrentzündungen. Der Bedarf an Studien, die die Tiergesundheit bei Zuchtformen untersuchen, ist daher groß.

"Der ZZF hat Qualzuchtformen ohne jede Einschränkung auf seine Negativliste über ungeeignete Heimtiere gesetzt. Das entsprechende Gutachten zu §11 b Tierschutzgesetz ist jedoch veraltet. Wir plädieren für neue rechtsverbindliche Listen mit Zuchtformen und Einzelmerkmalen, die als Qualzuchten zu betrachten sind."

ZZF-Präsident Norbert Holthenrich

In dem 1999 veröffentlichten Gutachten zu §11b Tierschutzgesetz werden einige Qualzuchtformen beschrieben, die der ZZF ohne jede Einschränkung auf seine Negativliste über ungeeignete Heimtiere gesetzt hat. Das Gutachten ist jedoch veraltet, viele Tiere sind noch nicht beschrieben. Der ZZF fordert daher Studien über Zuchtformen mit schwerwiegenden Gesundheitsproblemen und rechtsverbindliche Vorgaben, in denen Qualzuchtmerkmale einzelner Rassen und Arten beschrieben sind.

zza Interview mit Dr. Stefan Hetz, wissenschaftlicher ZZF-Referent

"Das kann lebensbedrohlich sein"

Goldfische werden schon lange in Deutschland gezüchtet, leider manchmal auch mit negativen Auswüchsen. Diesen drei Exemplaren geht es aber offenkundig gut.
Im zza-Interview spricht Dipl-Biologe Dr. Stefan Hetz über den Begriff "Qualzucht", die Nachfrage bei Heimtierhaltern und mit welchen Problemen einige Heimtierarten zu kämpfen haben.

Zum Artikel auf zza-online.de

Empfehlung für die Zucht von Kleinsäugern

Für Kleinsäuger und Vögel empfiehlt der ZZF eine Naturaufzucht mit Menschenkontakt. Dies ermöglicht, dass die Tiere auf ihre Art geprägt werden und eine feste Bindung zum Muttertier entsteht. Zusätzlich sollten Züchter bereits die Jungtiere an direkten Körperkontakt durch den Menschen gewöhnen, damit angeborene Ängste beispielsweise vor dem Greifvogeleffekt etc. abgebaut werden.

Eine isolierte Handaufzucht ist unter Umständen nicht empfehlenswert, da die alleinige Sozialisierung auf den Menschen zur Folge haben kann, dass die Tiere sich nur schlecht oder gar nicht in Gruppen von Artgenossen integrieren können und keine arttypischen Verhaltensweisen lernen.

Gefärbte oder gentechnisch veränderte Zierfische

Ab und zu tauchen im internationalen Zierfischhandel unnatürlich bunte leuchtende Fische auf. Sie sind entweder gentechnisch verändert oder gefärbt. In der EU ist der Handel mit transgenen Zierfischen verboten. Die Mitglieder in der ZZF-Fachgruppe Heimtierzucht und -großhandel haben darüber hinaus beschlossen, nicht mit künstlich gefärbten Zierfischen zu handeln.

Gentechnisch veränderte fluoreszierende Fische
Ein unnötiger Eingriff in die Natur: Gentechnisch veränderte fluoreszierende Fische
Foto: Svein Fossa

„Qualzucht-Evidenz Network“ der Tierärztekammer Berlin

Informationen zum Thema Qualzucht sind schwer zu recherchieren. Die Tierärztekammer Berlin hat deshalb mit zahlreichen Förderern und Partnern die wissenschaftsbasierte Datenbank QUEN ins Leben gerufen: Das so genannte "Qualzucht Evidence Network" soll Veterinärämter und weitere Organisationen bei ihren Recherchen unterstützen. Zu den Freunden und Förderern des Datenbankprojektes QUEN gehört auch der ZZF. Der Verband unterstützt QUEN insbesondere mit Fachwissen über Fische, Amphibien und Terrarientiere.

Dr. Stefan Hetz

Dr. Stefan Hetz

wissenschaftlicher Fachreferent

Welche Tiere eignen sich als Heimtier?